Unter den vielen Nutzer:innen im Haus der Musik Innsbruck gehört das Institut für Musikwissenschaft der Universität zu den geschichtsträchtigen. In dieser Saison feiert es sein erstes Jahrhundert als Ort der Forschung und Lehre, an dem Musik aus allen denkbaren Blickwinkeln betrachtet wird.
Mit seiner 100-jährigen Geschichte ist das Innsbrucker Institut für Musikwissenschaft nach Wien die zweitälteste universitäre Einrichtung dieser Art in Österreich. Dabei musste sein Gründer Rudolf von Ficker einige Hürden überwinden, bis er seine Vorstellungen von musikwissenschaftlicher Forschung und Lehre verwirklichen konnte. Sechs Jahre vergingen von den ersten Vorlesungen über die Gründung des Collegium musicum und den Bezug eigener Räume im Universitätsgebäude am Innrain bis zur offiziellen Institutsgründung im Februar 1926.
Musik in all ihren Facetten
Noch heute ist die Verbindung von Theorie und Praxis, die von Ficker im Sinn hatte, in Innsbruck präsent, erklärt Institutsleiter Federico Celestini. „Wir sind ein kleines Institut, aber wir sind sehr stolz darauf, dass wir in allen Hauptbereichen der Musikwissenschaft immer wieder neue Fragestellungen entwickeln.“ Er verweist auf Guido Adler, einen der Begründer der Musikwissenschaft als akademische Disziplin, und deren drei große Teilgebiete: „In Adlers Vision gab es die sogenannte historische Musikwissenschaft, die sich mit der Musikgeschichte des Westens befasst.“ Man wollte die Fülle an Musiknoten früherer Epochen, die in den Archiven lagerten, entziffern und publizieren. Den zweiten Bereich bildete die sogenannte vergleichende Musikwissenschaft, aus der die heutige Ethnomusikologie entstand. Die ursprüngliche – problematische – Idee von der Überlegenheit der europäischen Musikkultur hat man längst abgelegt, geblieben ist das Forschungsinteresse an Musik aus allen Teilen der Welt. In den dritten Bereich, die systematische Musikwissenschaft, fallen u. a. Akustik, Instrumententechnik oder auch die Wahrnehmung von Musik.
Aktuelle Forschung
Jeder Teilbereich habe sich weiterentwickelt, erläutert Celestini, es gebe Überschneidungen, weitgefasste Interessen, neue Themen und andere digitale Möglichkeiten. „Auch in den außereuropäischen Musikkulturen wird die Musikgeschichte erforscht und in der historischen Musikwissenschaft besteht ein Interesse an kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Aspekten. Gerade in den letzten 20 Jahren wurde auch die Popularmusik vermehrt Gegenstand der Forschung.“
Kleines Institut, großer Wirkungskreis
Am Innsbrucker Institut finden sich zahlreiche Beispiele dafür, was Musikwissenschaft alles bedeuten kann: Federico Celestinis Kollegin und Stellvertreterin Milijana Pavlović beschäftigt sich in ihrer Forschung mit musikbezogenem Antisemitismus, insbesondere mit dem Holocaust und dem Einsatz von Musik als Foltermittel. Der Ethnomusikologe und Anthropologe Bernd Brabec erforscht Klangontologien, therapeutische Aspekte der Musik und Ritualtheorien in verschiedenen Kulturen, Bernhard Steinbrecher befasst sich mit der Analyse, der Theorie, den Diskursen und Praktiken populärer Musik und Monika Fink-Naumann widmet sich dem bildbezogenen Komponieren sowie der historischen Tanzforschung. Zudem betreibt das Institut in Toblach das Gustav Mahler Research Centre.
Sichtbar im Haus der Musik Innsbruck
Ein Gedanke in Innsbruck wird ganz besonders gepflegt, nämlich dass die Musik das Leben der Menschen auf ganz unterschiedliche Weise prägt. „Es gibt Musiker:innen, Komponist:innen, Menschen, die in ihrer Freizeit musizieren, und solche, die Musik hören“, sagt der Institutsleiter. „Fast jeder kommt mit Musik in Berührung.“ Kaum ein Ort in Innsbruck spiegelt diese Vielfalt besser wider als das Haus der Musik Innsbruck mit seinen unterschiedlichen Nutzer:innen, seinen Übungs- und Unterrichtsräumen, Konzert- und Theatersälen. Der Umzug des Instituts, das seit den 1970er-Jahren im 300 Meter entfernten Canisianum residiert hatte, ins Haus der Musik Innsbruck 2018 „macht für uns einen großen Unterschied“, betont Milijana Pavlović. „Der attraktivere Standort und die Kombination von musikbezogenen Institutionen in einem Haus hat uns viel gebracht. In der Kooperation entstehen Projekte, die es vorher nicht in dieser Art und Weise gegeben hätte. Auch innerhalb der Universität werden wir dadurch stärker wahrgenommen.“
100 Jahre in Klang und Konzert
Viel Aufmerksamkeit wird das Institut für Musikwissenschaft wohl auch durch die Veranstaltungen zum 100-jährigen Bestehen bekommen. Dazu gehören etwa die Ringvorlesung „Kulturen des Klangs“ ab Anfang Oktober, das Konzert „Serenada della Pace“ und eine Ausstellung zur Musikvisualisierung, die für 2026 geplant ist. Federico Celestini und Milijana Pavlović wollen dadurch auch vermehrt Studierende für das Fach begeistern. „Wir wollen einfach zeigen“, meint Celestini, „wie unglaublich spannend es ist, sich mit Musik wissenschaftlich zu beschäftigen.“
Termine
Kulturen des Klangs
Ringvorlesung
Haus der Musik Innsbruck, Hörsaal 5.11 (5. Stock)
ab Oktober 25, jeweils Di, 17:30–19 Uhr
Serenada della Pace
Konzert
Theologische Fakultät, Kaiser-Leopold-Saal
14.11.25/€10,– bis 35,–
Offizielle Festakt
100 Jahre Institut für Musikwissenschaft
Haus der Musik Innsbruck
27.11.25