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«Man kann einmal alles auflösen» – Oswald Sallaberger im Gespräch

Mixed Media waren schon zu Dadas Zeiten das Gebot der Stunde. Kein Wunder, dass Dirigent Oswald Sallaberger mit dem TSOI und Markus Ender vom Brenner-Archiv auf Musik, Film und Wort setzen, wenn es heißt: Im Herzen Dada.

Dada verbindet verschiedene Kulturgenres. Wo findet sich das Dadaistische in der Musik?

Oswald Sallaberger: Das dadaistische Moment in der Kunst – vielleicht sogar in jedem Beruf – ist, dass man einmal alles auflösen kann, um auf etwas Neues zu kommen. Dadaismus in der Musik ist eine internationale Bewegung, mit gewissermaßen französischer Zündung. Beim Erstellen des Konzertprogramms im Haus der Musik Innsbruck ging es mir darum, den Esprit von Dada in einer bunten Mischung einzufangen und mit dem Publikum zu teilen. Die gespielten Werke bieten den Musiker:innen des TSOI reichhaltige Aufgaben, sowohl solistisch als auch in der orchestralen Abstimmung. Auch das Splitterhafte in den Kompositionen wird durchklingen. Man wollte ja weg vom überladenen Orchestralen, hin ins Kammermusikalische mit frischem, undogmatischem Impetus.

Das erste Werk im Programm ist Erik Saties Musik zu René Clairs dadaistischem Kurzfilm Entr’acte von 1924, live zum Film gespielt vom TSOI. Was zeichnet Satie als diese einzigartige Figur in der Musikgeschichte aus?

Oswald Sallaberger: Satie ist unverwechselbar, er bleibt immer bei sich. In seiner ersten Phase war er ein großer Mystiker, später Bohemien, womit er sehr gekonnt umzugehen wusste. Darum berührt uns seine Musik so besonders: mit ihrer Leichtigkeit und Tiefe.

Entr’acte entstand als Zwischenspiel zu einem Ballett von Francis Picabia. Was macht den Film zu einem zentralen Beispiel der französischen Filmavantgarde?

Oswald Sallaberger: Entr’acte ist ein Meisterwerk des Stummfilms. Es gibt repetitive Elemente in absurder Abfolge verschiedener Puzzleteile. Dabei hat sich René Clair zum Teil ganz einfacher Mittel bedient: eine auf den Kopf gestellte Kameraführung, Überblendungen und damals mögliche Spezialeffekte. Einerseits ganz naiv, wird nebenbei – der großartigen Musik sei Dank – Essenzielles erfahrbar.

Warum sind auch die anderen Werke des Abends von Darius Milhaud, Erwin Schulhoff und Manuel de Falla «im Herzen Dada»?

Oswald Sallaberger: Schulhoff und Milhaud verbindet der Zugang zum Jazz. In Schulhoffs Suite für Kammerorchester sind die Jazzelemente die Grundfarbe. Das Collageartige von Dada, dieses Aufsammeln der «Scherben», findet sich bei Schulhoff dafür par excellence. In Milhauds Ballettmusik La création du monde wiederum wechseln sich Jazz und andere Musiken (im Stile der Groupe des Six) ab, in der Instrumentierung, in der Verwendung von Jazzharmonien und Ragtime-Rhythmen.

Mit Manuel de Falla funktioniert die Verbindung zu Dada eher über die musikalische Erzählung der wirklich absurden Geschichte von El amor brujo. Bei ihm kommt noch die Gesangsstimme dazu, …

… was auch die Verbindung zur Reziation dadaistischer Texte im Programm herstellt und zur wissenschaftlich-literarischen Einführung unter dem Titel «Syncope bourgeois, musique bruitiste» einen Monat vor dem Konzert.

Markus Ender: Als Oswald an mich mit der Idee herangetreten ist, ein Dada-Programm zusammenzustellen, war ich gleich Feuer und Flamme. Als Literaturwissenschaftler kennt man natürlich die Verbindungen, aber wie eng hier Literatur und Musik verflochten sind, war mir zuerst gar nicht so bewusst. Dada war für mich zuallererst ein Literaturphänomen, doch die Bewegung hat sehr, sehr integral von der Musik gelebt. Die ersten Abende im Zürcher Cabaret Voltaire wurden zum Beispiel als Musik-Vorträge mit Rezitationen bezeichnet.

Tirol, genauer gesagt Tarrenz, ist Teil der Dada-Geschichte: 1921 waren einige Dadaisten dort auf Sommerfrische. Wie kam es dazu?

Oswald Sallaberger: Ein Grund war, dass Max Ernst Bergsteiger war. Und die Dadaisten wollten sich auf neutralem Boden treffen, weder in Frankreich noch in Deutschland.

Markus Ender: Durch die Inflation waren in Tirol die Urlaube recht billig, man war weg von der Großstadt und erhielt im ländlichen Umfeld andere Impulse. Das wirkte sich durchaus aus, wie man am Manifest Der Sängerkrieg in Tirol sieht. Noch einmal  verdichtete sich das Programm, die letzte Nummer der Zeitschrift Dada wurde publiziert; 1922/23 verlor sich dann die Bewegung. Aber diese Gruppen waren nicht weg, sondern wurden Impulsgeber für Neues wie den Surrealismus.

Dada Tirol ist natürlich nur eine Episode unter vielen, die sich an unterschiedlichen Orten abgespielt haben, mit unterschiedlichen Intentionen und unterschiedlichen Ausprägungen. Das verbindende Moment war etwas, was eigentlich schon der Expressionismus wollte: das Aufbrechen und der Anspruch, anders, neu und radikal sein zu wollen. Das ist mitnichten nur in chaotischen Lärmkonstrukten zu sehen, sondern es gab durchaus den Hintergedanken einer kulturellen Neudefinition.

Zu den Personen
Der Dirigent und Geiger Oswald Sallaberger war von 1998 bis 2010 musikalischer Leiter des Orchestre de l’Opéra de Rouen/Normandie, das er von Beginn an aufbaute. Er gründete das internationale Projektensemble «La Maison Illuminée» mit 60 jungen Musiker:innen aus Europa. Im Haus der Musik Innsbruck war Sallaberger unter anderem mit Kosmos Trakl zu Gast. Dabei arbeitete er bereits mit dem Germanisten Markus Ender zusammen, der seit 2018 Senior Scientist am Forschungsinstitut Brenner-Archiv ist. Ender ist u. a. Herausgeber des Gesamtbriefwechsels von Ludwig von Ficker und kuratiert Ausstellungen im Brenner-Archiv.

EINFÜHRUNG ZU SCREEN & SCORE: IM HERZEN DADA

«Syncope bourgeois, musique bruitiste» – Der Sound von DADA

3.10.25 / 19.00 UHR 
KLEINER SAAL

mit
Markus Ender Forschungsinstitut Brenner-Archiv
Oswald Sallaberger musikalische Leitung

INFOS & KARTEN

 

SCREEN & SCORE: Im Herzen DADA

Oswald Sallaberger und das TSOI

6.11.25 / 19.30 UHR 
GROSSER SAAL

Musikalische Leitung Oswald Sallaberger
Mezzosopran Camilla Lehmeier

INFOS & KARTEN

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