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Maria de Alvear:
Alles hängt mit allem zusammen

Mit Maria de Alvear über Kunst und Leben zu plaudern, ist so erhellend wie unterhaltsam – selbst wenn an ihr gerade aus gesundheitlichen Gründen „herumgebastelt wird wie beim TÜV“. Am 11. März kommt sie nach Innsbruck, wo in der Reihe Screen & Score ihr Orchesterwerk Ahnen zusammen mit Videos ihrer Schwester Ana de Alvear uraufgeführt wird.

© Philip Lethen

Ich lese gerade das Buch Ein Konzert ist eine Feuerstelle, das zu Ihrem 60. Geburtstag erschienen ist. Wie war es für Sie, eine solche Gesamtschau über das eigene Leben in der Hand zu halten?

Erstaunlich. Ich habe mir selbst noch nie solche Gedanken gemacht, und jetzt habe ich einen ganz anderen Überblick, als ich ihn selbst empfinde. Es nähert sich aber sehr gut an und ermöglicht mir ganz neue Blicke.

Sie gehen darin auf Ihre verschiedenen Schaffensphasen ein. Ihr erstes zentrales Thema war die Sexualität …

Dazu müssen Sie verstehen: Ich bin ein Kind der 70er- und 80er-Jahre, dieser wilden Zeit, als man sich als Frau zu emanzipieren hatte. Ich kam aus Spanien, das von einem Diktator regiert wurde und wo die Kirche das Sagen hatte. Ich fand das immer alles grauslich und wusste: Ich muss da raus. Also bin ich nach der Schule und direkt nach Francos Tod nach Deutschland gefahren. Zuerst war ich ein Jahr in Mainz – und von dort bestellte mich Mauricio Kagel regelrecht nach Köln in seine Klasse. Das war für mich die große weite Welt. Ich konnte alles tun, was ich wollte. Ich war frei. Meine Mutter sagte oft zu mir: Wie siehst du wieder aus? Und ich sagte: Natürlich wild. (lacht)

„Meine Mutter sagte oft zu
mir: Wie siehst du wieder aus?
Und ich sagte: Natürlich wild.“

Maria de Alvear

Später haben Sie die Musik indigener Völker erforscht. Woher stammt dieses Interesse?

Ich hatte immer schon eine starke Affinität zur Archäologie und zur Steinzeit. Meine Obsession war: Woher kommt die Musik? Entstand sie vor dem gesprochenen Wort oder danach? Nach dem Abschluss des Studiums ging ich auf Wanderschaft – in die Tschechoslowakei, nach Finnland, nach Russland, in die USA und nach Kanada –, um bei den Völkern Lieder zu sammeln. Ich wollte zum Beispiel wissen, warum die Schamanen in der Medizin so viele verschiedene Melodien verwenden. Warum können die das nicht mit Hänschen klein erledigen? Und da habe ich gelernt, dass eine Melodie tatsächlich wie ein Skalpell funktioniert und das Ganze eine sinnlich wichtige Angelegenheit ist. Das hat mir sehr geholfen.

Wie wirkte sich diese Erkenntnis auf Ihre Musik aus?

Sie wurde reicher. Ich habe Harmonien entdeckt, Rhythmen entdeckt. Strukturen veränderten und entwickelten sich. Sachen, die mir früher große Mühe gemacht haben, gehen mir heute leicht von der Hand, weil ich weiß, dass alles mit allem zusammenhängt. Beispielsweise ist die Musik von Müttern weltweit ähnlich, es gibt dieses „Hm“-Element (summt eine Melodie), das hat den Effekt der Bestätigung. Aber man kann es auch vorwurfsvoll verwenden: „Hm-hm“.

„Der Titel Ahnen hat
die Doppelbedeutung der
Ahnen und der Vorahnung.“

Maria de Alvear

Im Haus der Musik Innsbruck wird Ihr Orchesterstück Ahnen zusammen mit einem Video Ihrer Schwester Ana de Alvear uraufgeführt. Hätte darin Gesang ebenfalls eine Rolle spielen sollen?

Ja, eigentlich sollte ein Chor dabei sein. Aber nachdem das nicht ging, habe ich die Instrumentalbesetzung erweitert. Es ist sehr schöne Musik, die Bilder sind wunderschön, es ist technisch sehr gut gelöst – ein richtiges Spektakel. Der Titel Ahnen hat die Doppelbedeutung der Ahnen und der Vorahnung. Er verweist auf die vier oder fünf Venusfigürchen, die es aus der Steinzeit gibt, und die Plätze, wo sie aufgefunden wurden. Die Figuren sind so klein und wunderschön. Je nachdem, wie man zum Beispiel die Venus von Willendorf hinstellt oder -legt, hat sie eine andere Ausstrahlung. Mir gefällt auch, dass sie so moppelig ist. Und es gibt eine Theorie, wonach ihre Körper auch als Sternenkonstellation gegolten haben. Diese Figuren zu verwenden, war Anas Idee, und ich fand das toll. Wir erarbeiten dann die Dinge aber unabhängig voneinander, weil wir denken: Everything works together. Da bin ich sehr von John Cage beeinflusst.

Im zweiten Teil spielt das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck das Schumann-Violinkonzert. Sehen Sie eine Verbindung zu Schumann?

Die Zusammenstellung ist großartig und die Verbindung sehe ich darin: Die Romantiker haben sich dem emotionalen Körper geöffnet und den ersten Schritt hin zum Verständnis der Emotionen gemacht. Der nächste Schritt waren die Theorien von Sigmund Freud und der Surrealismus. Aus dem Surrealismus entstand die Abstraktion. Ohne die Romantik wäre dieser Weg nicht möglich gewesen. Dann können wir Zuhörer*innen uns freuen, im Konzert diese Verbindung zu erleben.

© Berthold Wegner

Zur Person

Die gebürtige Spanierin Maria de Alvear, Jahrgang 1960, studierte Neues Musiktheater bei Mauricio Kagel in Köln und lebte mehr als 35 Jahre in der Stadt. Derzeit organisiert sie ihren Umzug nach Madrid. Viele ihrer Werke, die regelmäßig von den bedeutenden Ensembles für Neue Musik aufgeführt werden, sind multimedial angelegt. Die Videos dazu steuert seit 1998 ihre Schwester, die Künstlerin Ana de Alvear, bei. Im selben Jahr gründete Maria de Alvear den Musikverlag World Edition und 2003 die Zeitschrift KunstMusik. 2014 erhielt sie den Spanischen Nationalpreis für Musik in der Sparte Komposition, seit 2017 gehört sie der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Künste und Wissenschaften an. Zu ihrem 60. Geburtstag erschien das Buch Ein Konzert ist eine Feuerstelle von Egbert Hiller.

Text: Esther Pirchner

SCREEN & SCORE: AHNEN

Neues Werk für Orchester und Videoinstallation

FR 11. März 2022
Beginn 20.00 . Großer Saal

Infos & Karten

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