«Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt» schrieb Mendelssohns Freund Robert Schumann. «Es wird soviel über Musik gesprochen, und so wenig gesagt», meinte der Gepriesene.
Im Juni sind zwei Konzerte mit seiner Kammermusik am Programm. Dabei sind prominente Interpretinnen und Interpreten zu erleben. Am 10. Juni spielen der italienische Cellist Giovanni Gnocchi und der japanische Pianist Yu Nitahara, beide Lehrende an der Universität Mozarteum, die beiden wundersamen Cellosonaten, ergänzt durch Clara Schumanns Romanzen und ein spannendes Stück des Tiroler Zeitgenossen Johannes Maria Staud. Das Cedag Quartett gestaltet das Konzert am 21. Juni mit drei Streichquartetten. Der Bogen spannt sich von frühvollendeten Werken des Jugendlichen bis hin zum tief berührenden, nach dem Tod der Schwester entstandenen op. 80. Musik des Mozarts der Romantik? Ja, auch er war ein «Wunderkind», ja, er hat die Formen der Wiener Klassik mit neuem Glanz erfüllt. Aber seine musikalische Ästhetik in ihrer Mischung aus Klassizität und romantischer Gefühlswelt ist unverwechselbar. Friedrich Nietzsche nannte ihn den «schönen Zwischenfall in der deutschen Musik» und Max Reger empfahl seinen Kollegen anno 1909 ein «Stahlbad in Mendelssohn».
Felix, der Enkel des Aufklärungsphilosophen aus dem Ghetto, Moses Mendelssohn, empfand als konvertierter Protestant Juden- und Christentum als eine natürliche Einheit. Jeglicher Fundamentalismus war ihm fremd. Als künstlerisches Fundament empfand er das Werk Johann Sebastian Bachs, Mozarts, Beethovens und Schuberts. In seinen Stücken sind durchaus harmonische Experimente und klangliche Visionen der Zukunft zu entdecken. Von seiner Italienreise schrieb er, die deutschen «Buchen, Linden, Eichen und Tannen» seien «zehnmal schöner und malerischer als alle Zypressen, Myrthen und Lorbeerzweige». Dass er sich, ohne in Chauvinismus zu verfallen, als Deutscher begriff, nützte ihm postum nichts.
Ein guter Teil seines Oeuvres wurde in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus fast vergessen. Im Nazireich waren öffentliche Aufführungen seiner Werke verboten. Dazu kamen manche Avantgardisten, die ihn zu einem liebenswürdigen Salonkomponisten verkleinerten, obwohl, und dies eint ihn mit Mozart, unter der schönen Oberfläche seiner Musik oft Abgründe zu entdecken sind. Doch nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einer internationalen Mendelssohn-Renaissance, und heute zählt er zweifellos zu den «großen Meistern» der Vergangenheit, welche die Sphäre der Zeitlosigkeit erreicht haben. Die beiden Juni-Konzerte im Haus der Musik Innsbruck bieten eine gute Gelegenheit, sich mit Felix Mendelssohns musikalischer Sprache zu beschäftigen – und man kann diesen Klangkosmos in seiner souveränen Mischung aus perfekter Form und innerem Feuer, aus Eleganz und Emotion auch einfach genießen.
TEXT Gottfried Franz Kasparek
KLAVIER & CO: Mendelssohn – Cellosonaten mit Giovanni Gnocchi, Violoncello & Yu Nitahara, Klavier
10.6.26 / 19.30 UHR
GROSSER SAAL
HDM IN CONCERT: Mendelssohn – Streichquartette II mit Cedag Quartett (Martin Yavryan, Violine; Kristiina Kostrokina, Violine; Ernst Theuerkauf, Viola; Peter Polzer, Violoncello)
21.6.26 / 19.30 UHR
GROSSER SAAL