Wenn die Schauspielerin Julia Stemberger und die Barocksolisten München rund um Flötistin Dorothea Seel auftischen, dann darf man sich auf einen genussvollen Abend freuen: Tafelmusik – köstliches Barock vereint Kulinarik von Alexandre Dumas mit galanten Kompositionen von Georg Philipp Telemann.
Hier wird nach allen Regeln der Kunst getafelt: Drosseln wandern in die Pfanne, Puten werden mit mehreren Pfund Trüffeln gefüllt, Bärenschinken – aus Kanada, Transsylvanien oder den Alpen – wird beschafft und Karpfenzungen werden mit Milch, Pilzen und Schinken verfeinert. Zum Ausgefallenen gesellt sich Alltäglicheres wie verschiedene Gemüsebeilagen, Kuchen und andere Desserts.
Gesammelt sind alle diese Rezepte im Großen Wörterbuch der Kochkunst von Alexandre Dumas dem Älteren, dem Autor der Drei Musketiere. Allerlei Anekdoten rund ums Essen ergänzen das Werk, das 1871 postum erschienen ist. Für die Schauspielerin Julia Stemberger, die im Haus der Musik Innsbruck aus dem unterhaltsamen Kompendium der Genüsse liest, ist es eine Neuentdeckung: „Allein die Titel, die sich um die Rezepte ranken, wenn es um einen Pfau, ein Känguru oder einen Esel geht, sind wunderbar. Auch weil es einem zeigt, dass man diese Tiere damals wahrscheinlich, ohne groß darüber nachzudenken, gegessen hat. Ich finde solche Sachen auch immer deswegen spannend, weil sie einem eine andere Zeit vor Augen führen.“
Zu Tisch mit Dumas und Telemann
Dumas, selbst ein Gourmet und begeisterter Koch, blieb mit den 1.300 Rezepten nicht nur in seiner eigenen Epoche, sondern servierte seinen Leser:innen auch lukullische Freuden und Geschichten aus dem Barock. Was passte dazu besser als Georg Philipp Telemans Tafelmusik von 1733 und andere barocke Werke, aus denen die Travers- und Blockflötistin Dorothea Seel einige für sich und die Barocksolisten München ausgewählt hat? Ähnlich wie Dumas’ Kochbuch ist die Tafelmusik „keine reine Sammlung zur Unterhaltung“, erläutert Seel, „sondern ein Gesamtkunstwerk. Sie umfasst Trios, Solokonzerte, Ouvertüren und Quartette, die kunstvoll dem französischen Ton frönen. Es gibt elegante Tanzsätze mit feinsten Verzierungen und eine galante Leichtigkeit, wie sie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreitet war.“ Die Tafelmusik sei für die Aufführung an Adelshöfen geschrieben, unterstreicht Seel, nur in dieser Gesellschaftsschicht seien entsprechend opulente Feste gefeiert worden. Viele Höfe und Adelige hätten die Sammlung abonniert und aufgeführt. „Sie hat sich in diesen Kreisen schnell verbreitet.“
„Telemanns ‚Tafelmusik‘ ist keine reine Sammlung zur Unterhaltung, sondern ein Gesamtkunstwerk.“
Dorothea Seel, Flötistin und künstlerische Leiterin der Barocksolisten München
Eine Musik für Musiker:innen
Ein Genuss sind diese Musikstücke und die anderen, die Dorothea Seel für das Konzert im Haus der Musik Innsbruck ausgewählt hat, nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Flötistin und ihre Musikerkolleg:innen selbst. Denn Telemann schrieb seine Werke – unter anderem die Pariser Quartette, deren siebtes Seel neben der „Tafelmusik“ aufs Programm gesetzt hat, und einige Trios – den besten Solisten seiner Zeit auf den Leib: In Paris hatte er den Flötisten Michel Blavet, den Gambisten Jean-Baptiste Forcroy und den Geiger Jean-Pierre Guignon kennengelernt und komponierte verschiedene Musikstücke, die der Virtuosität dieser Musiker entsprachen. Ein Ensemble wie die Barocksolisten München, in dem jede Stimme mit jeweils einem Solokünstler besetzt ist, bringt dafür ideale Voraussetzungen mit. „Wir haben genau die Besetzung Flöte, Gambe und Geige im Haus der Musik Innsbruck“, freut sich Seel, „und versuchen diesen berühmten Vorfahren in nichts nachzustehen.“
Zwischendurch lassen die Barocksolisten München noch ein Hühnchen durchs Programm flattern: Jean-Philipp Rameaus La poule aus seinen Nouvelle suites de pièces de clavecin passt alleine wegen des Titels schon gut zu Alexandre Dumas’ Rezeptauswahl.
Zwei Künste im Dialog
Darüber, wie Musik und Literatur an dem Abend im Haus der Musik Innsbruck miteinander verschränkt werden, tauschen sich Julia Stemberger und Dorothea Seel noch aus. Für die Textauswahl gebe es ganz unterschiedliche Möglichkeiten, meint Stemberger dazu: gereiht nach Vor-, Haupt- und Nachspeisen, nach Säugetieren und Fischen oder nach einer ganz anderen Ordnung. Die Schauspielerin, die selbst Flöte studiert hat und eine große Affinität zur Musik hat, hat viel Erfahrung mit literarisch-musikalischen Programmen. „Der dramaturgische Bogen kommt dabei normalerweise von der Literatur, weil Texte viel konkreter sind als die Musik.“ Die zwei Künste würden sich zudem gegenseitig fördern: „Wenn so ein Programm gut gestaltet ist, dann hilft es einerseits, die Aufmerksamkeit wachzuhalten, weil es kurzweilig ist, und andererseits bereitet die Musik die Literatur vor und die Literatur die Musik.“
WORT & MUSIK: Tafelmusik – Köstliches Barock
Julia Stemberger liest kulinarische Texte von Alexandre Dumas
1.2.26 / 19.30 UHR
GROSSER SAAL