Benjamin Schmid © Lienbacher
Benjamin Schmid © Lienbacher

Gedankenspiele mit Benjamin Schmid

Er zählt zu den Ausnahmeerscheinungen der Musikwelt; mit stiller Beharrlichkeit und ungebrochener Lust und Liebe zur Musik geht der Grenzgänger Benjamin Schmid seit Jahren seinen Weg, wandelt auf Klassik- ebenso wie auf Jazzpfaden. Ein virtuoser Geiger. Am 14. Oktober gastiert Benjamin Schmid im Haus der Musik Innsbruck in einem Konzert mit der Akademie St. Blasius. Anlässlich 200 Jahre Musikverein Innsbruck. Anlass den Künstler zu diesen, ersten, Gedankenspielen einzuladen.

Gedankenspiele

 

… zu dem klassische Konzertbetrieb
Dass die Menschen trotz ständiger Verfügbarkeit aller Musik-streamings immer noch ins Konzert gehen und das live Erlebnis dadurch fast noch wichtiger geworden ist, erfüllt mich mit Hoffnung für die Spezies Mensch: Denn Musik ist wie ein Berührung – und die sagt immer alles, wenn Worte nicht mehr weiter können. Musik ist also eine unmittelbare Berührung unseres Seins, unserer Empfindung, unserer „Seele“ oder was immer wir darunter verstehen. Dass wollen die Menschen scheinbar immer noch gemeinschaftlich und mit unseren ursprünglichen Sinnen wahrnehmen, da reicht die Konservenabfütterung eben doch nicht. Deshalb glaube ich an den Konzertbetrieb.

… zu Improvisation & Komposition, Freiraum & Strenge
Jede Improvisation strebt nach Gültigkeit, im Idealfall steht sie als Komposition da. Jede Komposition hat einen improvisatorischen Ursprung und behält in guten Interpretationen so viel wie möglich von dieser improvisatorischen Situation. Freiraum und Strenge bedingen einander – wo kein Rahmen, gibt es eher Chaos als Freiheit. Und Strenge kann nur im Wechselspiel mit Gelöstheit existieren. In der Musik ist das noch klarer als im restlichen Leben. Stravinsky sagte: je klarer der Rahmen desto grösser die Freiheit und die Ideen.

… zu dem Verlust von Improvisation
Ich wiederhole mantra-artig: Improvisation wird in der musikalischen Erziehung nicht berücksichtigt. Dabei ist es geradezu absurd, immer nur Noten zu spielen und keine eigenen Töne, wenigstens hin und wieder und auch gern nur für sich selbst. Es muss nicht jeder auf der Bühne improvisieren, aber ein musikalisches Leben wird sehr viel reicher über einen Zugang zum „In-sich-Hineinhören“. Ich versuche jeden Tag etwa 15 Minuten „absichtslos“ zu improvisieren, um meiner unbewussten und bewussten Seele auf die Spur zu kommen; das ist höchst vergnügliche Selbsttherapie.

… zu Konzerten – Genres – Zugaben
Jazzer hören sehr gerne Komponiertes, als Abwechslung. Aber eben vor allem, wenn man es so spielt als sei es gerade erst erfunden. Noch frappanter empfinde ich aber immer das gemeinsame real-time Erlebnis einer kleineren oder größeren Improvisation, wenn zuvor nur „Vorbereitetes“, sprich Noten, gespielt wurden. Vielleicht sogar sehr gut gespielt wurden, aber eine gut improvisierte Note hat immer noch eine andere – das ist keine Wertung! – Aura als die best-gespielte notierte Note. Wir sind eben Menschen und leben in dem Parameter Zeit und die kann man nur überwinden, wenn wirklich etwas Gegenwärtiges passiert … Wenn uns die Gegenwart packt, werden wir zu lebendigen Menschen. Wenn die Planungen nicht mehr existieren. Wenn man den Moment entscheiden lässt. Und die Improvisation ist eben doch noch mehr im Hier und Jetzt verwurzelt.

… zu Konzertritualen
Das gängige Konzertritual ist lange gewachsen und hat wie jede Tradition gute und weniger gute Seiten. Dass man sich auf eine konzentrierte Form des Hörens einigt, finde ich schon als großartig – wo sonst lassen Menschen so viel Stille zwischen der Musik zu? Wenn allerdings jemand nach dem ersten Satz klatschen will so stört mich das gar nicht – angeblich hat man auch bei der Erstaufführung in Wien von Brahms´ Violinkonzert nach der Kadenz hineingeklatscht, das gibt‘s also nicht erst seit dem Jazz. Aber dass sich Rezeptionsformen mit der Zeit auch ändern können und sollen, (z.B. Frack ist wirklich kein Muss mehr) ist klar und wünschenswert.

… zu dem Klassik- und Jazzpublikum
Letzten Endes ist das Empfinden sehr ähnlich: das Publikum will etwas Besonderes erleben, und ist erfreulich offen für die Art der Besonderheit – allen anderen Unterschieden (Kleidung, Sitzhaltung, usw.) stehe ich relativ leidenschaftslos gegenüber. Meine einzige (innere) Frage am Anfang eines Konzerts beim Verbeugen an das Publikum ist: Seid ihr, sind wir bereit für das Besondere?

Benjamin Schmid