Dennis Russell Davies und Maki Namekawa vor den Visualisierungen des Medienkünstlers Cori O’Lan ©Ars Electronica/Andreas Kolb
| Blogbeitrag

Reise zu Europas Mitte

Vierhändig durchs Vaterland: mit Maki Namekawa und Dennis Russell Davies am Klavier, Visuals von Cori O’Lan, Literatur von Adalbert Stifter. Ein Gespräch.

Bedřich Smetanas Mein Vaterland, vor allem Die Moldau, ist eines der meistgespielten Orchesterwerke. Die von ihm erstellte Klavierversion hört man hingegen selten. Gewinnt man durch sie ein anderes Verständnis von der Komposition?

Dennis Russell Davies Ich habe das Werk mit der Filharmonie Brno schon mehrmals dirigiert. Aber nachdem ich neben Maki am Flügel gesessen und es selbst gespielt habe, hat sich meine Fähigkeit, es zu interpretieren, sehr entwickelt. Die Klavierversion ist herausfordernd – Smetana muss selbst ein sehr guter Pianist gewesen sein –, und man hört und erlebt als Pianist das, was ihm zu betonen unbedingt wichtig war. Wie er es für Klavier umgesetzt hat, hat mir eine tiefere Einsicht in das Werk gegeben.

Welchen Zugang haben Sie als Pianistin zu Smetana, zur Moldau und Mein Vaterland, Frau Namekawa?

Maki Namekawa Die Orchesterfassung habe ich schon in der Grundschule in Tokio kennengelernt. Schon damals habe ich sehr bewundert, dass Smetana, als er schon taub war, ein solches Werk geschaffen hat.

Die vierhändige Klavierfassung ist sehr fein gearbeitet: Struktur, Transparenz, Melodie, Begleitung, Technik – sie lassen einen sozusagen seine Gedanken lesen. Das war für mich eine neue Reise.

Smetana «erlaubte» sich nach eigener Aussage, für jedes Stück von Mein Vaterland «eine eigene Form festzusetzen, eine ganz neue». Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Dennis Russell Davies Er hat auch klassische Modelle wie eine Rondo- oder eine Sonatenform verwendet. Aber die meisten Werke unterscheiden sich davon. Mich beeindruckt besonders der Satz Aus Böhmens Hain und Flur. Ich sehe darin eine Landschaft, aber zu Beginn sehe ich Fabriken und schmutzige Schornsteine. Es gibt eine starke Entwicklung in dem Werk, auch thematisch bis hin zu volkstümlicher Musik, sodass man diesen Anfang wieder vergisst. Ganz am Ende greift er ihn wieder auf, und das ist für mich immer sehr bewegend.

Maki Namekawa Es gibt eine Szene im Böhmerwald, in der Volksmusik und ein bestimmter Tanzrhythmus vorkommen. Davon, wie die Filharmonie Brno das spielt, habe ich sehr viel gelernt.

Dazu kommt die Visualisierung von Cori O’Lan. Er hat bei einer gemeinsamen Reise durch Tschechien und Oberösterreich zu den Orten, über die Smetana komponiert hat, Fotos gemacht und sie mit KI bearbeitet. Diese Bilder sind sehr schön und sehr ergreifend. Es ist, als ob man selbst durch
die Geschichte hindurchginge.

Dennis Russell Davies Wir haben diese Orte im Sommer 2023 besucht. Natürlich sehen sie heute anders aus, aber trotzdem war es eine sehr inspirierende Erfahrung. Dieser Teil der Erde und die Musik sind nicht nur Tschechien, sondern auch Österreich und Deutschland – Mitteleuropa. Darum nennen wir das Projekt Das verbindende Land. Wir haben dazu Texte von Adalbert Stifter ausgewählt, die der Schauspieler Kristoffer Nowak an dem Abend spricht. Gerade in der jetzigen Zeit, in der Europa eine gemeinsame Antwort auf die weltweit sehr schwierige Situation sucht, ist uns dieses Verbindende sehr wichtig.

TEXT Esther Pirchner

Hier geht’s zum Blogbeitrag Smetana – Mein Vaterland

Dennis Russell Davies und Maki Namekawa ©Andreas H. Bitesnich

SCREEN & SCORE: Smetana – Mein Vaterland

Klavierduo Namekawa/Davies mit Realtime Visualisierungen

5.3.26 / 19.30 UHR 
GROSSER SAAL

mit

Klavierduo Maki Namekawa / Dennis Russell Davies
Maki Namekawa, Klavier
Dennis Russell Davies, Klavier
Cori O’Lan, Realtime Visualisierungen
Kristoffer Nowak, Rezitation

INFOS & KARTEN

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