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Beethovens erste Academie

Der Südtiroler Geiger und Dirigent Johannes Pramsohler ist ein gefragter Musiker. Die Aufnahmen mit seinem Ensemble Diderot werden hoch gelobt und gewinnen regelmäßig Preise, er konzertiert in der ganzen Welt. Nun kommt er zum zweiten Mal zum Academie Konzert mit dem TSOI.

Du machst hauptsächlich Barockmusik, in unserem Konzert aber nur Beethoven. Was reizt dich an diesem Projekt?

Ich interessiere mich schon seit jeher für Schlüssel- und Wendepunkte in der Musikgeschichte. Mit meinem eigenen Ensemble nehme ich mir solche Zeitfenster immer wieder genauer vor. Während mein Ensemble aber nur für die Musik bis zur französischen Revolution zuständig ist, beschäftige ich mich in letzter Zeit persönlich intensiv mit der Zeit unmittelbar danach und der Musik des beginnenden 19. Jahrhunderts. Die Lebensläufe des großen musikalischen Triumvirats Haydn-Mozart-Beethoven erstrecken sich über diese Ära und vor allem Beethoven – der jüngste von den drei – hat diesen Geist förmlich aufgesogen. Der ganz krasse Wendepunkt kommt dann erst mit der Eroica. An den ersten beiden Sinfonien fasziniert mich aber, die Parallelen zu Haydn und Mozart herauszuarbeiten und sie als Produkte der Tradition des 18. Jahrhunderts zu sehen, ohne natürlich die aufflammenden Eigenheiten zu übersehen, die Beethoven später dann so stark charakterisieren.

Die Inspiration hinter dem Projekt mit dem TSOI ist das Akademiekonzert vom 5. April 1803, das im Theater an der Wien stattfand. Beide Sinfonien erklangen zu dieser Gelegenheit. Dazu gab es die Kantate Christus am Ölberge, die jedoch unseren Rahmen sprengen würde, und ein Klavierkonzert. Anstelle des Klavierkonzerts spiele ich die schöne F-Dur-Romanze, die Beethoven etwa zur gleichen Zeit wie seine erste Sinfonie schrieb – hoffentlich erfolgreich, denn Beethoven soll sein Klavierkonzert nicht zur vollen Zufriedenheit des Publikums vorgetragen haben.

Die erste Sinfonie wirst du vom Konzertmeisterpult leiten, die zweite dirigieren. Was klappt bei diesen beiden unterschiedlichen Leitungsformen besser bzw. schlechter?

Man muss sich vor Augen halten, dass die ersten Beethoven-Sinfonien ursprünglich nicht wirklich dirigiert wurden. Beethoven selbst wurde in späteren Aufführungen oft für seine exzentrischen Dirigierbewegungen kritisiert und vor allem diese ersten beiden Sinfonien wurden sicher irgendwie vom Konzertmeisterpult aus geleitet. Obwohl die erste eigentlich einfacher zu dirigieren wäre und die zweite einfacher zu spielen,  habe ich mich für eine Art Chronologie entschieden, die auch das Aufkommen des Orchesterdirigierens nachzeichnet. Es wurde damals ja wahnsinnig viel experimentiert – so wie heute hat da sicherlich noch keiner dirigiert.

Eine Beethoven-Sinfonie vom Konzertmeisterpult aus zu leiten ist etwas faszinierendes. Vor allem bekommen die einzelnen Gruppen im Orchester mehr Eigenverantwortung. Keiner im Raum hat die Partitur vor sich und ich kann mich, wenn ich selbst spiele, nicht um alle Einsätze kümmern oder Phrasierungen für die Bläser oder Celli in Echtzeit im Konzert anzeigen… Da muss man in der Probe viel mehr ins Detail gehen und das Konzert hat das Potenzial, sehr spannend zu werden.

Allerdings fühle ich mich als eingeladener Konzertmeister oft als Fremdkörper, der die bereits gut geölte Orchestermaschine durcheinander bringt… Als Dirigent kann man sozusagen «von außen» die Einheit des Orchesters vielleicht besser wahren und ein kompakteres Ergebnis erzielen.

Ich freue mich jedenfalls, beides in Innsbruck zu machen und hoffe, dass das Orchester in beiden Konstellationen Spaß hat.

Was sind für dich die Unterschiede zwischen den beiden Sinfonien?

Einer meiner Lehrer hat mir einmal gesagt, dass Beethoven für ihn erst in der zweiten Symphonie die Qualität seiner Vorgänger Mozart und Haydn erreicht. Ich stimme ihm da nur bedingt zu. Wie sich Beethoven mit der ersten Sinfonie der Welt als Sinfoniker präsentiert ist schon höchst interessant und man merkt von Anfang an, dass er seine Zuständigkeiten nicht in der Unterhaltungsmusik sieht. Schon der eigenwillige Anfang mit diesem Septakkord als Dominante zu einer Tonart, die nichts mit C-Dur zu tun hat, die rabiaten Ausbrüche, die die lyrischen Passagen immer wieder unterbrechen, das Menuett, dem er ein ziemlich extremes Zeitmaß gibt und die erstaunliche Überleitung zum letzten Satz zeigen einen radikalen Geist.

Das große Merkmal der zweiten Sinfonie ist sicherlich ihr Umfang, alles ist größer, prächtiger. Soweit ich weiß, ist sie das längste bis dahin geschriebene Werk ihrer Art. Beethoven tritt mit mehr Selbstverständnis auf – wie er den Vorhang im ersten Satz aufgehen lässt, um dann einen Blick in seine Seele zu erlauben, ist großartig. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass die politischen Gegebenheiten zu der Zeit weit anders aussahen, als von den Revolutionären erhofft, kann man etwas von Beethovens Frust und Eifer im ersten Satz hören. Dass Beethovens Taubheit unaufhaltsam zunahm, sein Privatleben auch nirgends hinführte, und er evt. sogar Selbstmordgedanken hatte, hört man im weiteren Verlauf dieser unwiderstehlich positiven Musik allerdings überhaupt nicht. Ich bin immer wieder fasziniert, wie er in dieser zweiten Sinfonie die Klangfarben in den Bläsern auslotet.

Das Publikum, das beim Konzert am 5. April 1803 dabei war, hat jedenfalls der ersten Sinfonie ob ihrer ungezwungenen Leichtigkeit mehr Wert beigemessen als der zweiten, bei der Beethovens «Streben nach dem Neuen und Auffallenden» eher Missfallen hervorgerufen hat.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck spielt auf modernen Instrumenten. Kann das dann trotzdem «authentisch» klingen?

Die große Frage ist immer, was denn nun authentisch ist. Tatsache ist, dass wir nicht wissen, wie das zu Beethovens Zeit wirklich geklungen hat. Natürlich klingen Darmsaiten und eng mensurierte Trompeten anders als ihre modernen Pendants aber es gibt so viele andere Stellen, an denen man bei diesen Werken schrauben kann und die haben nichts mit dem Instrumentarium zu tun. Ich denke an die Wahl der Tempi, an die Art, wie man die Punkte und Keile, Akzente und Dynamiken interpretiert und welche Geschichte man mit diesen Sinfonien erzählen will. Da kann man mit modernen Instrumenten genauso «authentisch» sein, wie mit alten. Der Kopf und das Herz machen die Musik!

Du kennst das Orchester von einem Projekt vor fast fünf Jahren. Was war damals dein Eindruck?

Ich fand eine hochmotivierte Truppe an fabelhaften, wohlwollenden MusikerInnen vor, mit denen es großen Spaß gemacht hat, zu arbeiten. Am TSOI mag ich vor allem auch, dass das Orchester Oper spielt. Wir hatten damals ein anspruchsvolles Mozart-Programm gemacht und ich merkte sofort, dass das Orchester auch oft im Graben sitzt. Das schafft eine unglaubliche Flexibilität und man merkt, dass alle mit sehr offenen Ohren musizieren.

Wirst du jetzt mehr dirigieren und auch dein Repertoire über die Barockmusik hinaus erweitern?

Ich habe das Dirigieren relativ spät entdeckt und entschieden, nochmals die Schulbank zu drücken und es von der Pike auf zu lernen. Eigentlich kam diese Entscheidung nur daher, dass ich immer öfters zum Dirigieren eingeladen werde und ich nicht wie ein Trottel vor dem Orchester stehen will, der zwar viel über die Musik weiß, seine Ideen aber nicht durch klare, helfende Zeichen vermitteln kann und mit seinen Bewegungen gar noch sich selbst und das Orchester sabotiert.

Barockmusik muss eigentlich nicht dirigiert werden – von einem reinen Dirigierstandpunkt aus gesehen ist das sogar sehr sehr langweilig, weil man im Konzert nicht viel mehr machen kann, als Metronom für’s Orchester zu spielen. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, in späteres Repertoire vorzurücken – es muss für mich aber immer mit dem selben Aufwand passieren, den ich beim Repertoire des 17. and 18. Jahrhunderts betreibe. Ob ich es schaffe, auch in Stravinsky, Cesar Franck, Debussy oder Brahms so tief einzutauchen, wie ich das bei Barockmusik mache, muss ich erst sehen.

Was sind diesbezüglich deine unmittelbaren Pläne und welche Werke würdest du gerne machen?

Konkret steht diesbezüglich gerade nichts auf dem Plan, weil ich in nächster Zeit mit meinem Ensemble Diderot viel unterwegs bin und mich die Ensemble-Arbeit und unser eigenes Label in dieser Saison voll auslasten.

Ich glaube, Mozart- und Haydn-Sinfonien liegen mir sehr gut und vor allem reizt mich als Einstieg in späteres Repertoire der Einfluss des Barock auf nachfolgende Komponistengenerationen. Ich kann mir da sehr gut Programme vorstellen, in denen Stravinskys «Dumbarton Oaks»-Konzert zusammen mit Bachs Brandenburgischen Konzerten erklingt oder Bartoks Streicher-Divertimento mit Concerti grossi von Händel und Mozart-Divertimenti. Sowas kann man ja nur mit modernen Orchestern machen.

Nachdem ich letztens eine Händel-Produktion am Teatro Colón in Buenos Aires dirigiert habe, würde ich auch sehr gerne mehr Oper machen. Mit dem Ensemble Diderot spielen wir jedes Jahr eine Oper. Ich kann mir gut vorstellen, auch mit modernen Orchestern Opern von Gluck, Rameau und Händel zu dirigieren. Ich arbeite sehr gerne mit Sängern und liebe die verrückte Welt des Theaters.

FRAGEN Wolfgang Laubichler
BILD Julien Benhamou

ACADEMIE KONZERT: EIN BEETHOVENFEST

Johannes Pramsohler und das TSOI

DO / 21.12.23
Beginn 20.00 . Großer Saal

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